Vom Genfer See zum Lago Maggiore         (1996)   350km, 7000hm     Upd 15.09.01


Die Idee Da war sie: diese dumme (?) Idee, die plötzlich im Frühjahr 1996 bei uns Otto- Normal-Fun- Bikern wie ein Virus um sich griff. Ja- das wäre schon toll, der Gedanke faszinierend. Aber ob wir die Sache wirklich schaffen könnten?? Wir: Frank , Jürgen, Jochen und Heiner. Wir treffen uns regelmässig im Fitness - Studio. Dort wurde der Faden zwar offiziell munter weiter gesponnen, insgeheim hatte jeder leichte Zweifel, ob wir das überhaupt schaffen würden.

Die Strecke: *)

Wegskizze Eine Woche im Sattel - das wäre schon etwas anderes, als die ein bis zwei Mal 30 bis 50 Kilometerchen, die jeder von uns pro Woche normalerweise herunterkurbelt! Jeder streckte  auf seine Weise die Fühler aus: Wir sammelten Transalp-Berichte aus " Bike", dem Internet und wo auch sonst wir Unterlagen herkarren konnten.

Irgendwann im Mai wurde dann Tacheles geredet: Nach Sichtung aller Unterlagen und Ausklammerung sämtlicher "Ohne-Mich"-Zonen kamen wir auf die Strecke Montreux-Locarno, die im Buch "Transalp" von Wölflinger*) vielversprechend als Tour durch vier Sprachregionen beschrieben war.

*Das Buch ist leider momentan nicht mehr im Handel.

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Anfahrt:

Über Autobahn Singen- Zürich-Bern-Lausanne nach Montreux. In Montreux gibt es kaum Dauer-Parkmöglichkeiten. Also 4 km weiter nach Villeneuve. Kaum zu glauben: als wir in einem Hotel "anklopften", ob wir unser Auto freundlicherweise gegen Gebühr abstellen könnten, weist uns eine charmante Schweizerin dort überraschend kostenlos einen Standplatz einschliesslich Code-Nummer zum Schranken- Öffnen zu. Wir grübeln zum Schutz unseres Egos nicht darüber nach, ob sie durch unsere erotische Ausstrahlung oder Mitleid hierzu veranlaßt wurde. Jetzt schnell die Räder vom Dach, den Dachständer zum Schutz gegen Diebstahl abmontieren, Rucksäcke aufsetzen- und los! Es ist 13.00 Uhr!  Laut: "Jungs, wir sind nicht zum Spaß hier" (Leise: "Verdammt. Mußte diese Tour wirklich sein?").



Höhenprofil

*) Private Tourenbeschreibung. Alle Angaben ohne Gewähr. Nachbiken auf eigene Gefahr. Weder wurde die Zulässigkeit der Streckenführung geprüft noch  wird für Folgeschäden gehaftet.

 

1.Etappe: Col de Jaman (17 km).
2.Etappe: Col de Jaman- Lac de l`Hongrin- Rougemont- Gsteig- Sanetsch-Passhöhe
(ca. 70 km).
3.Etappe: Sanetsch-Stausee - Sion- Rhonetal - Brig
4.Etappe: Ulrichen - Nufenen - Pass - Airolo
(ca 40 km).
5.Etappe: Airolo - Bellinzona -Lago Maggiore
(ca 100 km).
6.Tag:      Fazit und Rückfahrt




1.Etappe

Col de Jaman (17 km).

Von vom Auto aus haben wir schon aus der Entfernung die Felsspitze Dent de Jaman gesehen. Als ich zu dem "Zahn" hochdeutend sage "da müssen wir rauf", fällt zunächst spontan das Wort "Witzbold". Komischerweise lacht keiner. Etwas unterhalb des Passes soll auf knapp 1600 m angeblich das Bergrestaurant "le Manoir" liegen, wo wir telefonisch vorgebucht haben. Der Genfer See ist zart in hellblauen Dunst  getaucht.  Wir strampeln auf einem steilen (15-20%)  geteerten Bergsträsschen zum Bergdorf Caux hoch. Dabei ist es weniger die Steigung, sondern mehr die Sonne, die uns zu schaffen macht. Schon nach 2-3 km sind unsere ersten beiden Wasserflaschen leer: Der nächste Brunnen sorgt für frisches Wasser. Überhaupt- das sollte sich in den nächsten Tagen zeigen- waren unsere wichtigsten Utensilien unsere Magnesium- Brausekapseln: sauberes Wasser gab es in Hülle und Fülle zum Nachfüllen. Billig und gut!

Die Tour führt über Wiesen- und Waldstücke immer wieder über ein Zahnrad-"Bähnli", mit dem wir uns den schweisstreibenden Aufstieg hätten ersparen können. Aber zum Einrollen ist die Strecke schlechthin ideal. Immer wieder sehen wir den Genfer See malerisch in der Nachmittags-Sonne liegen. Bei der Mittelstation des Bähnli, das wie ein Märklin- Spielzeugbahnhof aussieht, machen wir eine halbe Stunde Rast und lassen uns ein gepflegtes Panache servieren. Das ist Balsam für unsere trockenen Kehlen! Aber schon ertönt wieder der Ruf "auf geht`s Jungs, wir sind nicht zum Spass hier", der natürlich ironisch gemeint ist. Da wir die Steigung bei 26 Grad Celsius eh` nur mit einer Geschwindigkeit von 6 km/h hochkämpfen, haben wir unsere Helme entgegen unseren Vorsätzen für die Bergstrecke an den Rucksack geschnallt. Wer hat bloss das Gerücht ausgestreut, es würde mit jedem Meter Höhe kühler?

 

Le Manoire Bergrestaurant Der malerische Anblick des Bergrestaurant "le Manoir" setzt ungeahnte Kräfte frei. Wir krallen den Berg hoch und melden uns an. Man weisst uns in einem netten kleinen Nebengebäude (ehemaliger Stall?) zwei winzige Doppelzimmer mit Einfachst- Ausstattung zu (traumhafter Fensterblick auf den in der Abendsonne glitzernden Genfer See). Wir sind die einzigen Gäste.

Das erste, was wir machen, ist duschen und Trikot waschen (vor dem Haus ist eine Wäschespinne). Überhaupt: in den nächsten Tagen wird das (Wäsche-)Waschen zu einem festen Ritual. Wir hätten mit viel weniger Trikots auskommen können (Gewicht!). Für unsere geliebten Stollengäule zeigt man uns einen Schuppen. Es ist erst 18:00 Uhr. Wir setzen uns vor der Berghütte und geniessen die Abendsonne. Es gibt zwar Kaffee, jedoch keine Kuchen. Dafür scheint die Spezialität des Hauses Meringe Double-Creme zu sein. "Die sind weniger schwer hochzutransportieren". Die etwas trockene Leckerei würge ich, da heisshungrig, genussvoll hinunter. Vor dem Bergrestaurant erscheinen drei verschwitzte Gestalten (2 Jungs und ein Mädchen) mit dem Bike. In der Hand haben Sie die selbe Tourenbeschreibung wie wir. Ich verblüffe sie mit der hellseherischen Behauptung, sie seien sicher auf dem Weg zum Lago Maggiore. Sie kommen aus Basel, und wir werden sie noch öfters treffen.
Wir beschliessen, einen Abend- Spaziergang zu machen. Die Badeschlappen tun`s wohl. Wie in einem Witzblatt steigen wir in Badeschlappen 150 Höhenmeter hoch (gefolgt von ein paar Japanern in Anzug und mit Krawatten) . Eine Mords- Gaudi. Nach fatalem Abstieg ohne Halt in den Schlappern finden wir uns zum Abendessen wieder im Restaurant ein. Die Speisekarte lässt wenig Auswahl. Die bestellten Gerichte sind schmackhaft, aber trotz Nachbestellen von Brot für Tourenbiker viel zu mickrig. Das einzige Üppige ist der Preis! Wir trollen uns sauer und hungrig in unsere Unterkunft, packen erst einmal mitgebrachte Lebensmittel aus und knallen uns die Bäuche bis zum Anschlag mit Brot und Büchsenwurst voll.

 




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2.Etappe:

Col de Jaman- Lac de l`Hongrin- Rougemont- Gsteig- Sanetsch-Passhöhe (ca. 70 km).

 

Es ist 7:15 Uhr. Wir warten bereits vor dem Restaurant auf den Wirt. Für 7:30 Uhr hat er uns das Frühstück versprochen. Hat er uns vergessen? Fünf Minuten nach der Zeit kommt er um die Ecke. Zu unserer Überaschung hat er ein Traumfrühstück auf der Terrasse in der Morgensonne vorbereitet. Womöglich konnte der arme Mann nicht schlafen, weil er unsere knurrenden Mägen gehört hat!?. Jetzt sind wir auf alle Fälle sehr zufrieden und zahlen statt schmollend gerne unsere Zeche. Was jetzt wohl die Schweizer Biker machen? Nach 100 m Fahrt wissen wir es: Mit grossem "Hallo!" treffen wir uns zufällig an der ersten Weggabelung. Jetzt geht es auf einem landschaftlich wunderschönen Downhill vom Col über steinige Almwege ins Tal. Wir fahren sicher und gehen nicht an die Grenze. Alle Mann müssen unverletzt ankommen. Das ist die Devise!

Im Tal geht es auf einem unbefahrenen wunderschönen Traumweg zum etwa 200 Höhenmeter weiter oben gelegenen Lac d`Hongrin (Stausee). Als ich dort für ein Foto eine Vollbremsung machen will, macht es plötzlich " knack" und der erste Defekt ist da: Eine Plastic-Hülse am hinteren Bremszug ist gerissen. Wir können notdürftig reparieren (es ist Sonntag, das muss bis Montag halten!). Lac Hongrin
 

Auf einer schönen Almstrasse und Asphaltstrasse fahren wir bergab bis "Lecherette". Dann geht's bergab bis in das Saanen-Tal (SRB-Radweg). Dann weiter auf Feldwegen bis Saanen. Unterwegs holen uns die Schweizer Biker wieder ein, die wir bei einer Rast überholt hatten. Ein Stück lang fahren wir gemeinsam. In Gstaad machen wir einen Abstecher ins Dorf. Wir finden einen Laden mit leckerer Pizza und decken uns zusätzlich mit Obst und Brot ein. Fünf Kilometer weiter setzen wir uns auf eine Bank am Saanen- Fluss und machen einen Riesen - Schmaus. In Gsteig vor der Post füllen wir am Brunnen ein letztes Mal unsere Getränkeflaschen. Das Schmerzen im Gesäss weicht einem tauben Gefühl. Wenn die Nerven erst mal richtig betäubt sind, läßt der Schmerz vielleicht nach ?!...Jetzt kommt das erste Highlight der Tour: der teilweise unfahrbare Sanetsch-Pass liegt als optisch nahezu unüberwindbarer Brocken vor uns. Wir treten qualvoll noch die ersten 100 m Steinweg hoch, dann stecken wir`s: schätzungsweise 20% Steigung auf losem Untergrund, später noch 10% mehr. Wir schieben die Räder nicht hoch - wir stemmen sie regelrecht: Alle 200 - 300 m müssen wir erschöpft für einige Minuten innehalten. An einem Bergbach schöpfen wir Trinkwasser. Wenn wir hochsehen, ist es uns ein Rätsel, wo der Weg weitergehen soll! Aber irgendwie schlängelt sich der Weg doch durch. Entgegenkommende Wanderer müssen uns für übergeschnappt halten. Weiter unten sehen wir die Schweizer Biker mit dem Geröll kämpfen.

Oben auf knapp 2300m : Deeehhr Schock! Das vermeintlich einsam liegende Ziel  Bergrestaurant " Auberge du Barrage" entpuppt sich als Touristen -Treff, weil es von Süden aus (Sion)  mit dem Auto erreichbar ist. Egal. Jetzt vier kalte Panache! Dann das Gerödel in unser Zimmer! Der nächste Schock für Jürgen und Jochen: Der Schlafsaal ist ein Massenlager für 36 Personen. Im ersten Frust wollen unsere Buben gleich ins Tal weiterfahren. Doch bis Sion sind es 30 km. Also Augen zu und durch! Motto: spät ins Bett, einen ansaufen! Mit Hilfe der Schweizer Biker können wir die beiden Zweifelnden überreden, einen Versuch mit dem Massenlager zu wagen. Und sie sollten es nicht bereuen. Die französich sprechende Wirtin stellt den Schweizern und uns zusammen zwei Riesen- Fondue- Töpfe auf den Tisch (sie versäumt nicht, gestenreich darauf hinzuweisen, dass es sich um eine von ihr erfundene Spezial-Variante mit Tomaten handelt). Dazu stilgerecht ein Waliser Wein (Fendant) und viel Atmosphäre am offenen Kamin. Wir spachteln wieder bis zu Abwinken!

 

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3.Etappe:

Sanetsch-Stausee - Sion- Rhonetal - Brig

Es ist 7:00 Uhr. So schnell wie möglich ans Waschbecken und aufs Örtchen, bevor die übrigen 35 Mitbewohner die selbigen aufsuchen. Das Frühstück ist gut und reichlich. Draussen lacht die Sonne. Nach kurzer Kettenpflege geht`s die restlichen 200 Höhenmeter zum Sanetsch-Pass hoch. Die vor einer halben Stunde abgefahrenen Schweizer Biker sind mit Minimal-Ausstattung ohne Jacken unterwegs. Die frische Morgenluft hat etwa 5 Grad Plus. Wir fragen uns, wie die das aushalten! Im Schatten ist es ganz schön frisch. Der Downhill vom Pass ist ein Geschwindigkeits- Rausch: fast 25 km auf geteertem Alm-Weg bergab. Nach 10 km findet der Ritt eine jähe Unterbrechnung: Ein Tunnel. Wir haben zwar eine (kleine) Taschenlampe dabei. Doch die nützt so gut wie nichts: der nasse Boden und die schwarzen Wände schlucken alles Licht. Sollen wir etwa 800m schieben?? In diesem Moment kommt von hinten ein Auto. Wir springen sofort auf die Sättel. Der Autofahrer kapiert.  Im Scheinwerfer- Licht des Autos fahren wir im Viererpack vor dem Auto her durch das ganze Tunnel und bedanken uns hinterher artig.

Das Rhonetal ist im Vergleich zu den bisher zurückgelegten Strecken kaum spektakulär. Weinberg nach Weinberg. In Sion treffen wir die beiden Jungs der Schweizer Biker. Sie sind ganz verzweifelt: beim Downhill sind sie dem Mädchen davongedüst und haben sie verloren. Wir würden gerne zusammen weinen, müssen aber zum Bike-Shop, um meinen defekten Hinterrad- Bremszug endlich zu reparieren. Wir erfahren später, dass sie sich mittels Handy wiedergefunden haben. Der Weg folgt weiter dem Rhonetal. Wer sich diese Strecke nicht antun will, kann bis Brig diese landschaftlich weniger aufregende Stecke per Bahn abkürzen.

Frage unterwegs: " Woran erkennen wir, in welchem Sprachteil der Schweiz wir uns gerade befinden?" Antwort: " Am Gruss der entgegen kommenden Wanderer". "Welcher Gruss in der rätoromanischen Schweiz?" "Salve Imperator?". Zugegeben etwas albern, aber bei unserer guten Stimmung kann gerade nichts blöd genug sein! In Mörel geben wir uns in einer Gartenwirtschaft eine Ladung Spaghetti. Danach gönnen wir uns mit der Gondel einen Abstecher auf die Bettmeralp. An der Bergstation sind wir total überrascht, was hier oben an Tourismus abgeht. Es geht zu wie am Volkswandertag. Nichts wie weg hier! Ein traumhafter Wanderweg (der leider sehr frequentiert ist) führt zum "Kühboden". Im Hintergrund sehen wir das schneebedeckte Matterhorn. Herz - was willst Du mehr! Beim Kühboden nehmen wir beinahe den falschen Weg ins Tal. Ein kundiger Wanderer warnt uns. Zum Glück: 1700 Höhenmeter Single-Trail über verblockte Pfade wären  heute zu viel für uns gewesen. Wir jagen statt dessen auf einem geschottertem Weg mit "tausend" Wasserablaufrinnen  (so viele müssen es gewesen sein) halb stehend ins Tal nach Ernen. Die dabei entstehende Staubwolke ist mörderisch für unsere Biosysteme und Maschinen. In Ernen kreuzen wir die Rhone, dann heisst es wieder gegen den inneren Schweinehund antreten: Es geht wieder steil auf einem sonnigen Feldweg hoch.
Wir sind kaputt. So langsam wird es Zeit, nach einer Unterkunft zu suchen. Es ist 19.30 Uhr. In einer Stunde ist es in den Bergen dunkel! In den nächsten Dörfern gibt es zu unserer Überraschung teils keine Übernachtungs- Möglichkeiten oder sie sind ausgebucht. Alptraum: Wir sehen uns schon in einer Bahnhofs- Vorhalle übernachten. Im Rhonetal

Wir steigern leicht das Tempo. Wir müssen noch etwas finden! In Niederwald sehen wir ein Schild "Gasthaus Drei Tannen". Nichts wie hin. Die Wirtin ist sehr freundlich, hat zu unserm Glück ausreichend Zimmer frei. Ausserdem zaubert sie uns ein Nachtessen, das kaum zu überbieten ist. Für die Bikes gibt sie uns den Fahrradschuppen ihres Mannes, der gerade auf Bike-Tour ist.

 

4.Etappe:

Ulrichen - Nufenen - Pass - Airolo (ca 40 km).

Frühstück ... und looooos! Heute wollen wir über den Nufenen-Pass. Der Himmel ist azurblau. Nach 15 km bezaubernder Fahrt am Bach entlang erreichen wir Ulrichen. Ab jetzt geht es nur noch hoch. Wir decken uns noch rechtzeitig in einem Lebensmittel- Geschäft mit Vesper und Obst ein.
Auffahrt zum Nufenen Der Pass ist asphaltiert und hat nahezu konstant ca 10-12% Steigung. Runder Tritt ist angesagt. Die Sonne knallt gnadenlos herunter. Meine Augen fangen an zu brennen. Ist es der salzige Schweiss oder der Sun-Blocker, der mir Albino- Augen macht?

Nach 500m muss ich anhalten und das Handtuch aus dem Rucksack kramen. Mit umgehängtem Handtuch fahre ich weiter. Kurbelumdrehung um Kurbelumdrehung nach oben. Alle 300 Höhenmeter ist das Wasser verbraucht.

Rennradler überholen uns. "Kunststück! Kaum Rollwiderstand und ohne Gepäck!". Auf etwa 2000 Meter Höhe wollen wir noch einen Abstecher zum Griesbach-Gletscher machen. Da sehen wir am Horizont erste Schichtwolken aufziehen, die sich rasend schnell nähern. Wir brechen den Abstecher ab und kämpfen uns zur Passhöhe hinauf. Zu allem Überfluß fangen jetzt auch noch meine Waden an zu krampfen. Es wird jetzt eng. Noch 300m. Noch 200 m. Noch 100m... Als wir oben sind, ist der Himmel bereits rabenschwarz. Nichts wie weg hier. Auf der Passhöhe steht ein Gasthaus und davor liegt ein Teich. Dort herrscht  totale Hektik, weil alle möglichen Motorradfahrer Leder- und Regenkombis anziehen. Wir haben keine Zeit für die Aussicht, sondern rasen ins Tal nach Italien, so schnell wir können. Später lesen wir am Tacho ein VauMax von 75 km/h ab. Blitze zucken uns hinterher. Wenn jetzt ein Blitz ins Fahrrad einschlägt! Nicht daran denken, es gibt ohnehin keinen sicheren Unterstand. Alles ist kahl. Sollen wir uns etwa in eine Mulde kauern? Die Frage stellt keiner. Treten, treten, treten! Es fängt an zu regnen, dafür wird das Rumpeln schwächer.  15km nach der Passhöhe halten wir an. Es geht jetzt absolut nicht mehr ohne Regen-Kleidung. Wir müssen ein Quartier finden. Und zwar schnell!

Triefend und dreckverspritzt rollen wir in Airolo im Fremdenverkehrs-Amt ein. Nach einer kurzen Stadtrundfahrt im Regen nehmen wir als Quartier das "Restaurant Airolo" , das unserer Preis- und Qualitätsvorstellung  halbwegs entspricht. Zu unserem Erstaunen scheinen  hingegen wir der Qualitätsvorstellung des Wirts nicht voll zu entsprechen: er mustert eine Ewigkeit  meinen Pass. Seinem Gesicht nach müssen die Geschäfte schlecht gehen, wenn er so dreckige Typen wie uns nimmt (normalerweise sehen wir ganz manierlich aus). Die Wirtin ist überfreundlich. Wir taufen sie heimlich "Mama Leone". Morgen wollen wir den "Naret"-Pass nehmen. Bei dieser Gewaltstrecke wird der Grossteil das Fahrrad zu "stossen" sein (wie die nette  ältere Dame des Fremden- Verkehrsamts in reizendem Akzent  es nennt). Wir diskutieren 2 Stunden im Kreis, was wir machen sollen. Natürlich ohne Resultat.  Das Wetter morgen wird über den Fortgang entscheiden. In der Nacht gehen mit Getöse 3-4 Gewitter herunter. Au Backe!

 



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5.Etappe:

Airolo - Bellinzona -Lago Maggiore (ca 100 km).

 

Es nieselt und die Wolken hängen bis ins Tal. Nebel. Wir müssen umdisponieren. Mit unseren rutschigen Klickpedal- Schuhen und ohne Sicht schaffen wir Flachlandmenschen den nassen Naret-Pass nie. Zumindest haben wir den nötigen Respekt, das erst gar nicht zu versuchen. Hätten wir doch auf die Klicker zugunsten von Trecking - Schuhen verzichten sollen? Aber auch damit wäre es bei diesem Wetter ein zu grosses Risiko gewesen. Also umdisponieren. Um den Berg herum.

Mist!!  Ich  (der angebliche Perfektionist) bin der Einzige, der keinen dichten Rucksack- Überzug dabei hat. Ein riesiger Fehler. Ohne Erfolgserlebnis klappern  wir verschiedene Sport-Geschäfte ab. Zuletzt hole ich frustriert in einem Supermarkt eine blaue Mülltüte und ziehe sie provisorisch über den Rucksack. Als "mobiler Müllsack" ziehe ich meiner Wege (wenig wirkungsvoll, aber besser als gar nichts bei Regen).

Wir fahren auf der Landstrasse Richtung Bellinzona/Lago. Es geht bei Nieselregen leicht bergab. Kaum Verkehr. Flatternde königsblaue Mülltüte. Belgischer Kreisel. Wir fahren, was das Zeug hält. Nach 20 km wird die Strasse trocken. Bei Bellinzona Sonne! Wir stellen nicht ohne Stolz fest, dass unser Schnitt heute fast 33 km/h beträgt.

Die Schweizer Biker haben uns eindrucksvoll angedroht, wir bekämen am Lago keine freie Unterkunft. Darum suchen wir schon etwa 10 km vorher und werden auf Anhieb fündig. Ein älteres Ehepaar betreibt in Cugnasco die etwas angejahrte Pension Casa Primula. Wir zahlen einen Spottpreis für Zimmer und Frühstück. Dafür nehmen wir schon auch mal etwas Mottenkugel-Geruch in Kauf. Zwei von uns erhalten das Zimmer des Sohnes, der Architektur studiert (das ganze Zimmer ist voll Büchern). Die Wirtin sorgt rührend für uns. Man kann nicht den Gang betreten, ohne sofort in ein Gespräch verwickelt zu werden.

Gegen 18:00 Uhr fahren wir zum Sightseeing nach Locarno. Am See halten wir an. Wir haben es geschafft! Congratulations! Trillerpfeife. Abpfiff!


Wir sondieren, ob wir mit einem Mietwagen oder mir der Bahn günstiger zum Genfer See zurück kommen. Der Mietwagen erweist sich bei One Way Miete als teurer, und für den Bike-Transport fehlen Träger. Ein Kleinbus ist nicht erhältlich. Im Zug wäre der Rückweg über Dommodossola (Italien) schnell und günstig, jedoch können auf dieser Strecke keine Bikes transportiert werden. Es bleibt uns daher nur übrig, mit der Bahn durch den Gottard - Tunnel nach Olten - Montreux zu fahren, was die dreifache Strecke (und eine Rundfahrt durch die ganze Schweiz) bedeutet. Take it easy. Bis zur Abfahrt des Zugs fahren wir frech mit den Bikes in einen Campingplatz, liegen in die Sonne am Strand, baden im Lago und lassen die Bikes Bikes sein.

Fazit:

Interessant an der Tour war - wie vermutet - ausser dem Alpenerlebnis die Reise durch vier Sprachgebiete mit den dazu gehörigen Mentalitäts- Unterschieden.

Nicht ganz zufrieden waren wir mit dem zu geringen Anteil technisch anspruchsvoller Fahrstücke: Entweder die Wege waren zu gut (zum großen Teil sogar asphaltiert) oder dann  oft gleich unfahrbar. Das gute Mittelmaß fehlte.

30%Strasse, 60% Wege (teils geteert),  nur 5% Trails/Pfade, 5% Schieben/Tragen

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Was haben wir falsch gemacht?

Wenig. Genaue Vorarbeit, gute Laune und weitgehend schönes Wetter liessen keine Probleme aufkommen. Im Nachhinein betrachtet wäre (auch besseres Wetter vorausgesetzt) bei Auffahrt auf den Nufenen der Weg über den Griespass ins Centovalli empfehlenswerter gewesen.


Zu Hause lassen: Wir hatten jedoch viel zuviel Ausrüstung dabei. Vieles könnte genauso gut gewaschen werden. Dann genügten zwei statt vier Kurzarm-Trikots. Zur Not tät`s auch eine lange Radhose statt der zusätzlichen Jogging-Hose beim Abendessen. Wozu 5 Pack Papiertaschentücher (eines genügt, bei einem Schnupfen eben welche kaufen!). Warum Medikamente gegen alle möglichen Erkältungskrankheiten (Apotheken gibts immer in der 30 km Zone, wir sind nicht am Nordpol)? Auch Kurbelabzieher, Zahnkranzabzieher und Engländer sowie Ersatzmantel scheinen so selten nötig zu sein, dass der Sinn einer Mitnahme fraglich ist. Alle 4 Ersatzschläuche wurden wieder unbenutzt zurückgebracht (kann auch anders laufen, siehe Tour Mittenwald). Die Ersatz- Bremsklötze kamen nicht zum Einsatz. Von 30 Müsli-Riegeln brachte ich 10 zurück (künftig weniger mitnehmen und bei Bedarf unterwegs nachkaufen). Dabei auf mehr Abwechslung achten (vorher kosten) , weniger Nuß-Müslis (sind zu fett). Der Kompass wurde ebenfalls nicht gebraucht.


Wichtig waren: Funktions- Unterwäsche, Regenkleidung, Taschenmesser, Dusch-Schlappen. Gute Dienste leisteten gängige Kreditkarten. Überlegenswert wären je nach Strecke und Wetter Trekking- Schuhe statt Kombination Bike-Schuhe mit Pedal-Cleats.


Wichtige "Utilities": Rucksack-Regenschutz, Taschenlampe (für Massen- Lager und Tunnels), Schloss, Putzlappen, Ketten- Öl.



Kosten:

Ohne Ausrüstung aber mit Anfahrt belaufen sich die Kosten auf ca 600 DM pro Person.

Die nötigen Karten kosten stolze 210 DM, wurden jedoch teilweise von Bekannten ausgeliehen (erforderlich die schweizerischen topographischen Karten Nr 262,263,273,274,264,265,.275,276). Leitsatz: spare niemals an den Karten!